Homepage
 

Geschichte

 
   
Ohne viele geschichtliche Zeugen zu hinterlassen, siedelten einst die Helvetier in unserer Landschaft. Um 58 v. Chr. folgte die Römerherrschaft mit ihrem Militärposten im nahen Pfyn (Ad fines) Im 3. Jahrhundert unserer Zeitrechnung begannen dann die Alemannen gegen das thurtalische Grenzland vorzustossen und setzten sich schliesslich endgültig darin fest. Ums Jahr 600 begann mit der Ankunft von Gallus und Kolumban eine intensivere Christianisierung der heidnischen Alemannen, und 100 Jahre später zog Pirmin wohl durch den Thurgau hinunter nach der Insel Reichenau, wo er ein Kloster gründete und als erster Abt betreute. Schon bald muss unser Gemeindegebiet, wohl durch königliche Schenkung, unter die Grundherrschaft dieses Klosters gekommen sein, was für Müllheim durch Jahrhunderte schicksalsbestimmend blieb.
 
Dass das Kloster Reichenau als hohe Schule und als eigentliches Bildungs- und Kulturzentrum zeitweise mit der Gallusabtei von der Steinach rivalisiert und bald eine Geistesstätte jenseits der Alpen überstrahlte, muss für Müllheim die Verbindung mit diesem europäischen Zentrum eine Ehre gewesen sein. Aus einer alten Schrift stammt darum die Aussage "Unterm Krummstab war gut wohnen."
Aber auch die Idyllen haben keinen Bestand. Nicht nur der Einfall der Ungarn, die im Frühjahr 926 durch unsere Gegend und rheinabwärts zogen, änderte die Lage. Der sich mehr und mehr in Vermaterialisierung und Merkantilismus steigernde Feudalismus drückte die ehemals Freien zu Hörigen, um ihnen aus Entrechtung grössere Verpflichtungen auferlegen zu können.
 
Auch die Reichenau teilte schliesslich das Schicksal vieler mittelalterlichen Reichsabteien, indem Verflechtung mit dem Staats- und Heeresdienst zu geistiger Verflachung, Verarmung und Verweltlichung führte, bis das Kloster, weit von seiner ursprünglichen Bestimmung, nur noch eine Versorgungsinstitution adeliger Geschlechter war, dann und wann noch einmal unterbrochen von kurzen Zeiten besserer Besinnung. Als es längst schon so weit war, taucht der Name unseres Dorfes zum erstenmal auf in einer Urkunde vom 1. März 1254.
 
urkunde.jpg urkunde2.jpg siegel.jpg
Urkunde Ausschnitt Siegel
 
Einer der Zeugen ist ein Johannes de Mulhain. 1259 treten Johann und Gerbold de Mulhain als Zeugen bei der Beurkundung auf, als der Wellenberger Ritter Urfehde schwören musste, die Zerstörung seiner Burg durch die Zürcher nicht zu rächen. Er hatte zürcherische Kaufleute überfallen. Das wird eine Sensation gewesen sein für die umliegenden Dörfer. Aus einer Urkunde vom 5. Okt. 1260 ist ein Wilhelm v. Müllheim ersichtlich. Dann tauchen auch Hofnamen und Ortsbezeichnungen auf, 1262 der Oberhof. Am 19. Mai 1270 verzichtete Adelheid, die Frau des Johannes von Müllheim, auf gewisse Rechte auf ein kleines Gut, das dem Stift St. Johann in Konstanz verkauft worden war. Es liess sich herausfinden, dass auf dem Boden dieses Gutes heute das Wohnhaus der Firma Utilis AG steht. Eine Urkunde vom 21. Sept. 1275 handelt von einer Schuppise des Hainricus Tuvelli im Unterdorf, neben einer Schuppise "vor dem stege" und von einer Mühle "in dem tobel". 1275 ist auch erwiesen, dass Müllheim Kirchdorf ist. Was war wohl die Ansicht der Müllheimer, als die Kunde kam von einem Bündnis der Waldstätte? Waren auch Müllheimer bei Morgarten? Wohl möglich, denn der Schirmvogt war Habsburg, und er hatte das Recht, zum Kriegszug zu mahnen, doch nur von Sonnenaufgang bis -niedergang. Aber man weiss ja, wie verschieden oft Theorie und Praxis sind.
 
1321 taucht noch ein Gerbold von Müllheim in den alten Schriften auf. Dann verschwindet dieses Rittergeschlecht, und das Lehen fiel wieder an die Reichenau zurück. Am 5. Sept. 1445 brannte die eidgenössische Besatzung in Wil das Dorf Müllheim nieder. 1460 kam der Thurgau unter die Herrschaft der sieben Orte. Für Müllheim änderte das vorläufig nichts, ausser dem Mahnrecht zum Grenzschutz. Grundherr blieb die Reichenau.
 
Vom Jahre 1475 nun datiert eine sehr wichtige und interessante Urkunde, die "Offnung von Müllheim", d.h. die vertragliche Regelung aller Rechte und Pflichten zwischen Grundherrn, Schirmvogt und Hofleuten. Zusammen mit dem einlässlichen Urbar von 1523 resp. 1552 lassen sich die Verhältnisse des damaligen Müllheim rekonstruieren. Es ist hier nicht möglich, auf bildhafte Einzelheiten einzugehen. Aber auf eine interessante Entwicklung, die hier sichtbar wird, soll hingewiesen sein. Bei der Schenkung an das Kloster waren die Hofleute in Müllheim zugunsten des Klosters aus der Steuerhoheit des Landesherrn entlassen worden. Die Abgabe des Zehnten hatte sich aus dem mosaischen Recht der Tempelabgabe abgeleitet, und ursprünglich war der tiefe Sinn derselben noch lebendig genug, dass diese nicht als ungerechte Last oder als Zeichen persönlicher Abhängigkeit empfunden worden wäre. Den Klöstern war jeweils ein Kast- oder Schirmvogt gegeben worden, der gegen verhältnismässig geringe Entschädigung den militärischen Schutz des Klosters und seiner Besitzungen übernahm. Man muss dabei bedenken, dass das Wort Vogt ursprünglich nicht den Sinn des Unterdrückers hatte, sondern Sinn des Schützers oder Pflegers, wie heute noch in der Innerschweiz der Kirchenpfleger „Chilevogt“ heisst. Mit der zunehmenden Vermaterialisierung verlor sich die ursprüngliche Bedeutung, und Grundherr und Schirmvogt bauten die Abgaben zu immer einträglicheren Einnahmequellen aus. Auch die Gerichtshoheit war nicht mehr in erster Linie Rechtssprechung, sondern eine bestimmte Summe Geldeswert auf Grund der Bussen. Je grösser die Entrechtung, desto grösser die Einnahmen.
 
Die verarmende Reichenau begann, wie andere auch, diese festen Einnahmequellen zu verpachten; zu verleihen hiess es. Das waren die verschiedenen Lehen. Auch der Schirmvogt ging auf gleiche Weise vor. Aufkommende Adelsgeschlechter, bald auch reich gewordene Bürger aus den Städten bewarben sich um diese Lehen, um die schliesslich gehandelt werden konnte wie heute um Aktien oder um Schuldtitel. So hatte bald ein Landenberg das Vogtlehen, dann wieder ein Wellenberger, dann wieder ein Zumthor in Frauenfeld oder ein Pfefferli aus Konstanz das Lehen auf die Abgaben an den Grundherrn usw. Den Müllheimer Hofleuten und Hörigen war diese Entwicklung nicht gleichgültig. Die einst sinnvollen Abgaben waren zur ungerechtfertigten Last geworden in Form von allen möglichen Besteuerungen an Fremde. Und sie setzten sich im Rahmen des Möglichen zur Wehr. Immer deutlicher und stärker geht der Wille durch die Urkunde, innerhalb ihres Lebenskreises soviel als möglich und mehr und mehr selber zu bestimmen. Die örtliche Gewalt hatte beim Villicus oder Meier gelegen. Er war der Stellvertreter und Bevollmächtigte des Grundherrn gewesen. Auch dieses Amt hatte sich zum Lehen gewandelt. Aus diesem Amt ist vermutlich das Rittergeschlecht derer von Müllheim entstanden; denn es waren Ministeriale, d.h. Beamte des Klosters Reichenau. Als das Geschlecht erlosch, fiel dieses Lehen an die Reichenau zurück. Der Cellarius oder Keller hatte den Kelhof inne und die, heute sagen wir, behördlichen Machtbefugnisse. Er sammelte auch die Abgaben ein. Wie die 24 Erbgüter, so war auch auf dem Kelhof die Erbfolge. Als sein Helfer, von dem Grundherrn und den Hofleuten gemeinsam bestimmt, figurierte der Weibel. Dann bestanden noch verschiedene Ämter und ebenfalls abgabepflichtige Ausübungen, die vom Grundherrn bestimmt wurden. Nach und nach, aus den Urkunden ablesbar bestimmte die Gesamtheit die Hofleute, die auch die Macht und die Befugnisse des Kellers mehr und mehr zurückdrängten. Auch die Freizügigkeit im Landerwerb und im Landtausch untereinander wurde selbstverständlich.
 
Während in der grossen Welt draussen sich im 17. und 18. Jahrhundert der Absolutismus ausbildete, entstand hier in zähem Willen die Gemeinde, die in immer weiterem Masse ihre Angelegenheiten selber besorgte und ordnete. Müller, Bäcker, Weinschenker und andere Funktionäre wurden der Gemeinde gegenüber verantwortlich. Wenn sich ein Bader (Arzt, Coiffeur und Badestubenhalter in einer Form) in Müllheim niederlassen wollte, gab die Gemeinde die Erlaubnis und genehmigte den Vertrag. Über Aufnahmen ins Bürgerrecht entschied sie nun selber, und Wuhrstreitigkeiten erledigte sie ebenfalls vor dem Landvogt oder der Tagsatzung später ohne Umweg über den Grundherrn. Drei Bürgermeister führten gleichzeitig die Gemeindeangelegenheiten. Rechtsnachfolger des Klosters Reichenau war der Bischof von Konstanz geworden, der auch das Kollaturrecht hatte, d.h. das Recht, die Pfarrer beider Konfessionen einzusetzen und das Recht auf den Fall und einige sonstige Abgaben nebst dem Verleihungsrecht über die Grundzinsen. Mit dem Kollaturrecht hatte er nach den Urkunden vermutlich mehr Ärger als Gewinn bei den Müllheimern, und vom Fallrecht lösten sie sich im Jahre 1795 durch eine Abfindungssumme. Das Pergament der Urkunde (im Gemeindearchiv) ist schon schlechte Imitation. Die Grundzinsen wurden nach dem Umbruch dem Staat Thurgau gegenüber von den einzelnen Inhabern nach und nach abgelöst. Spätere finanzielle Notwendigkeiten übernahmen Banken und Staat mit Zinsen und Steuern. Als die Gemeinde in den freien Stand Thurgau einging, hatte sie sich vorher schon aus eigenem Willen in ihrem örtlichen Lebenskreis selbständig gemacht.
 
 
Homepage


Home
News
Online-Schalter
Ortsplan
Events
Kontakt
Suchen
an den Seitenanfang